Achtung Gefahr: wenn wir glauben zu wissen….

Wir alle ken­nen das Lied von den über Fünfzigjähri­gen, die angeblich kei­ner mehr will im Ar­beitsmarkt. An jedem Stammtisch wird es gesungen. Bei jeder Debatte über das AHV-Alter wird es angestimmt. Selbst jüngst auf einem Podium brachte eine Journalistin die alte Leier aus ihrem Freundeskreis her­vor. Doch Obacht: Zwischen dem Berg des Glaubens und den Gipfeln des Wis­sens gibt es gefährliche Niederungen, die meist in der Nebelzone liegen. Die Gegend dort heisst «glauben zu wissen». Es ist eine der beliebtesten Destinatio­nen im postfaktischen Zeitalter. Eine Ge­fahrenzone. Es ist das Wohnquartier all jener bequemer Blender, die zu faul sind, die mühselige Bergtour des Wis­senserwerbs auf sich zu nehmen.

Nun bin ich nicht sportlich und schon gar nicht bergtauglich, aber ich lese un­glaublich gerne. Auch Statistiken. Ich liebe Zahlen geradezu, da sie enorm in­teressante Geschichten erzählen – ge­nau und ohne viel Druckerschwärze. Und da ich selbst vor wenigen Wochen fünfzig geworden bin und nun potenziell selbst betroffen von der vermeintlichen Misere, habe ich die Fakten im «Brenn­punkt Arbeitsmarkt» studiert.

Spielt uns das Lied vom alten Eisen

Und hört, hört: Die Konjunkturfor­schungsstelle der ETH Zürich und das Bundesamt für Statistik spielen eine ganz andere Musik. Hier die Hörprobe: «Ältere Arbeitnehmende sind (…) unter­durchschnittlich oft erwerbslos. Gemäss Verlauf der Kurven dürfte diese Diffe­renz noch zunehmen.» Bei den älteren Frauen weist die Schweiz im internatio­nalen Vergleich gar die geringste Er­werbslosigkeit auf. Zudem sind ältere Arbeitskräfte überdurchschnittlich gut ausgebildet, was zusätzlich für deren Wert in Zeiten des Fachkräftemangels spricht.

Doch wie bringt man diese neue Tonfol­ge vom Berg des Wissens herunter in die Hitparaden und damit als Ohrwurm in die Köpfe der breiten Bevölkerung? Lie­be Medien: Bitte spielt uns das Lied vom neugierigen, alten Eisen. Vom Schatz der Lebenserfahrung. In allen Variationen und Stilrichtungen. Und hört bitte auf, uns mit nachgeplapperten Einzelfällen Angst vor dem Altern zu machen.

Kolumne in der Handelszeitung vom 11. Oktober 2018 von Esther-Mirjam de Boer

 

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