Kündigungsinitiative

Achtung: Mogelpackung

Bundesrätin Karin Keller Sutter hat Unternehmerinnen und Unternehmer jüngst die Gefahren der Kündigungsinitiative erläutert, über die wir im Mai abstimmen. Das hat sie ganz logisch und sachlich getan und uns gebeten, die Argumente ins Land hinaus zu tragen – man werde schon verstanden werden. Das war der Plot ihrer Story. Aber ich habe einen Knopf im Kopf. Aus der Optik einer Justizministerin mag es auf der Hand liegen. Aus der Perspektive eines Menschen, der gerne mehr oder verantwortungsvoller arbeiten möchte, sieht die Welt anders aus. Ein Gedankenspiel: Wenn wir die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte beschränken, dann haben wir Frauen bessere Chancen im Arbeitsmarkt. Immerhin, es werden eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen in zehn Jahren. Das ist unsere Gelegenheit! Keine Kündigungen mehr wegen Schwangerschaft und weniger Zurückhaltung bei Teilzeitverträgen. Überhaupt haben wir dann eine extrem gute Verhandlungsposition für höhere Lohnsummen in den typischen Frauenberufen und gute Strukturen für die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit. Hauptsache wir gehen für Geld Arbeiten und füttern das BIP. Selbstgewählte Knappheit ist cool für uns. Endlich können wir Frauen die Konditionen diktieren und zu unserem Recht kommen. Wir sind nämlich das grösste Inländerpotenzial auf dem austrocknenden Arbeitsmarkt.

So in etwa habe ich 2014 argumentiert, als ich einen öffentlichen Auftritt gegen die Masseneinwanderungsinitiative (MEI) abgelehnt habe. Okey, ich gebe zu, ich habe damals nicht mit einer Annahme gerechnet. Ich wollte halt nur darauf hinweisen, dass Frauen eine andere Perspektive auf die Politik und Ökonomie haben. Meine Denkzettelhaltung war leider mehrheitsfähig. Und nun will es Rechtsaussen im Mai 2020 nochmal genau wissen. Sie nennen es die Beschränkungsinitiative gegen die Zuwanderung und sagen bei der Mogelpackung nicht, dass sie automatisch die Kündigung der bilateralen Verträge zur Folge hat.

Sechs Jahre später bin ich etwas klüger und meine Bitte geht an alle Frauen: Auch wenn unsere Vorteile im Arbeitsmarkt mit der Beschränkung verlockend erscheinen – bitte lest den Beipackzettel sorgfältig, bevor ihr den Stimmzettel im Mai 2020 ausfüllt. Die Medizin mag manchen heilsam erscheinen, aber die Nebenwirkungen sind verheerend. Schluckt diese Pille lieber nicht.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, erschienen in der Handelszeitung vom 6. Februar 2020.

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