Auf Beutefang

Wir gehen fischen. Im Bergsee leben zwei schmackhafte Fischsorten von gleich grosser Population. Wir haben zwei Köder zur Verfügung. Ein erfahrener Fischer sagt, dass wir mit dem älteren Köder vor allem die eine Sorte fangen werden – die andere beisst da nicht so gut an. Beim neuen Köder beissen beide Arten gleich gut. Ihr Kollege will mit dem alten Köder fischen, weil er den schon oft mit Erfolg benutzt hat – er setzt auf Bewährtes. Aber Sie sind schlauer: Sie haben nachgerechnet, dass Sie mehr Fische fangen, wenn Sie einen Köder benutzen, bei dem beide Sorten gleich gut anbeissen. Sie haben doppelt so viel Beute. Sie sind der Held der Truppe.

Szenenwechsel: Es leben zwei Sorten Menschen auf dem Planeten – Männlein und Weiblein. Diese sind von ihrer Geisteskraft her vergleichbar gut veranlagt, die Intelligenz ist auf beiden Seiten ähnlich ungleichmässig verteilt. Beim Sozialverhalten in Gruppen zeigen die Weiblein aber ein wirksameres Führungsverhalten. Der Unterschied ist jedoch marginal. Auch Firmen fischen Menschen: Für Topführungsjobs nutzten sie bislang Köder, bei denen zu 85 Prozent Männlein anbeissen. Die guten Weiblein beissen kaum an, dafür die weniger guten Männlein umso besser. Inzwischen geht die Gesamtpopulation der Arbeitskräfte zurück. Die Firmen buhlen um die weniger werdenden Führungskräfte. Die einen mit den vermeintlich bewährten Ködern, an denen nur die eine Hälfte der Menschen Interesse hat – die Schlaueren allerdings nutzen neue Köder, bei denen alle Talente anbeissen. Wer hat am Schluss einfach mehr gute Leute im Betrieb? Genau: Die Schlaueren, denn sie haben doppelt so viel Beute.

Wie soll der Köder aussehen?

Er heisst Sprach- und Bildwirkung in der Kommunikation sowie die Entscheidungsarchitektur im Prozess. Ein Fisch, der keinen Wurm mag, beisst beim Wurm nicht an. Wenn eine Stellenausschreibung zu stark nach Testosteronkultur riecht, vergeht den Weiblein die Lust auf Karriere. Und ein Fischer, der bisher lauter Männlein gefangen hat, weiss gar nicht, was anfangen, wenn er mal ein gutes Weiblein am Haken hat. Er packt es womöglich so ungeschickt an, dass dieses ihm verletzt entwischt. Der Fischer wird also mit neuen Ködern anders fischen lernen müssen, wenn er längerfristig überlegen sein will mit doppelt so viel Beute.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, CEO von GetDiversity in der Handelszeitung vom 29. August 2019.

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