Bis es knallt

Manche suchen sie, manche meiden sie. Jeder hat sie und verschenkt sie täglich an Menschen, Medien und Beschäftigungen, bewusst und unbewusst: die Aufmerksamkeit. Wir denken uns meist nichts dabei, wenn es darum geht, wohin wir unsere Augen, Ohren und Gedanken wenden. Das machen sich vor allem jene zunutze, die die Aufmerksamkeit anderer als Energiequelle für ihr eigenes Gedeihen brauchen. Und was tun wir? Grosszügig und unbedacht verschenken wir unsere Aufmerksamkeit denen, die am auffälligsten balzen.

Da ist die hochgewachsene, blonde, blauäugige Deutsche, die im eigenen Land gegen Migration wettert und selbst mit einer Frau mit offensichtlichem Migrationshintergrund in der Schweiz zusammenlebt und unsere Toleranz strapaziert. Da ist der medienmächtige, wortgewaltige Schweizer Intellektuelle, der sein Volk gegen eine Flüchtlingswelle auf dem fernen Mittelmeer aufwiegelt und selbst eine Frau geheiratet hat, die dank Seenotrettung und humaner Aufnahme den Weg in unser Land fand. Privates und Politisches bleiben bei jenen klar getrennt, das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun, oder?

 

“Triebe und Emotionen sind stärker als Gedanken”

 

Denken Sie jetzt bloss nicht über Integrität und Werte nach. Auch nicht beim platinblonden Jack-Nicholson-Typ in England, dem brasilianischen Grosspyromanen, dem russischen Rambo, der Französin, die Nationales und Soziales wiedervereint, dem nachbarschaftlichen Traum aller Schwiegermütter und vielen anderen mehr, für die die Weltpolitik wie der Plot einer Telenovela zu funktionieren scheint. Sie alle wissen: Triebe und Emotionen sind stärker als Gedanken. Je weniger der Mensch sein Hirn bewusst nutzt, desto eher folgt er inhaltsleerem Hokuspokus. Denn Denken ist anstrengend und der Mensch ist faul.

Brot und Spiele nannten das die Römer und zementierten so die Machtelite. Die Spiele finden heute auf Twitter und TV-Kanälen statt. Teile und Herrsche – das riet schon Machiavelli -, weil Konflikte die Spannung steigern und damit den Unterhaltungswert des Geschehens. Sie lenken ab von den überlebenswichtigen Dingen, die nicht so leicht zu lösen sind. Bis es knallt.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, CEO von GetDiversity in der Handelszeitung vom 19. September 2019.

Ironie von der Geschicht: der ausländische Werber, der die schwarzen Schafe in die Schweizer PolitPlakatLandschaft eingeführt hatte, musste sich gegen das Mobbing seiner adoptierten Kinder mit offensichtlichem Migrationshintergrund wehren…. Ja, die Geister, die Du riefst… Danke dem Geschichtenerzähler, der mir gestern diese Prise Salz noch zutrug.

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