Corona-KPI

Gute Schlüssel­kennzahlen ma­chen es leichter, ein Unternehmen stra­tegisch zu führen. Mit welchen Zahlen führen uns Staat und Medien durch die Corona-Krise? Wir zählen Tote. Und wir zählen die getesteten Neuinfektionen. Ist das ein wirksames Führungs­instrument, um Verständnis in der Bevöl­kerung zu gewinnen? Nein. Das ist wie Autofahren mit Blick in den Rückspiegel. Auch das löst Angst aus.

Es macht sich zunehmend Unmut breit. Der Druck bezüglich einer Lockerung der Massnahmen steigt. Viele halten den Lockdown für übertrieben und wollen zu­rück zur Normalität. Die Kapazitäten von Krankenhäusern und Intensivbetten seien nicht ausgelastet und daher sei die Krise wohl doch nicht so schlimm, so der Tenor. Zudem kümmert die Alten die Gefahr zu wenig. Das wirft die Frage auf: Warum sollten wir Jüngeren ihnen ein statistisch um ein paar Wochen längeres Leben mit einer heftigen Wirtschaftskrise und vielen Konkursen erkaufen? Darum: Zurück an die Arbeit, die Wirtschaft retten und eine darwinistische Sanierung der Sozialversicherungen in Kauf nehmen.

Dabei geht vergessen, dass freie Kapazitäten ein Zeichen von realistischer Umsicht sind und der Anteil der Toten mit Vorerkrankungen kein Messinstrument für den Erfolg der Politik. Solange wir leere Betten und ungenutzte Beatmungsgeräte haben, können wir einen weiteren Anstieg von In­fizierten verkraften und alle behandeln, die Behandlung brauchen. Auch die Kinder und Erwerbstätigen mit Unfällen, Vergif­tungen und Krankheiten, die akut einen Spitalaufenthalt brauchen. Herzinfarkte zum Beispiel. Wenn das Gesundheitssys­tem kippen würde, trifft es alle hart – auch viele Junge vermeidbar tödlich.

Fast die Hälfte der Corona-Übertragungen passieren, bevor Symptome spürbar werden. Dieses Risiko unterbindet der Lockdown weitgehend. Wir werden alle Schutzmasken tragen und unsere Begeg­nungen mit dem Handy tracken, um die Wirtschaft wieder schrittweise öffnen zu können, bis schnelle Tests und wirksame Impfstoffe auf dem Markt sind. Wir müs­sen die Reproduktionszahl unter 1 kriegen und halten. Das ist die wirksame Corona-Schlüsselkennzahl (KPI): Wenn jeder und jede Infizierte im Schnitt höchstens eine Neuinfektion auslöst. Homeoffice bleibt im Trend. Grosse Menschenansammlungen sind es noch lange nicht.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer in der Handelszeitung erschienen am 16. April 2020 – geschrieben am 7. April 2020.

https://getdiversity.ch/salto-aus-dem-hamsterrad/

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