Corona Experiment

Das grosse Experiment

Der Zitronen­schnitz im Corona-Bier ist zur Hygiene da. Damit reinigt man den Fla­schenhals vom Dreck, der sich unter dem Kronenkorken angesammelt hat. Der ak­tuelle Versorgungsengpass in der Schweiz sind Desinfektionsmittel gegen Corona. Wir schlittern in einen System-Stresstest. Wie funktioniert die Welt ohne China-Produkte, ohne weite Reisen und Gross­anlässe, mit Hamsterkäufen und Arbeit im Homeoffice?

Schon vor der Pandemie-Panik waren Medikamente, Impfstoffe und Medizinal­produkte, die nur noch in China herge­stellt werden, nicht mehr lieferbar. Wenn dort die Produktionen teilweise stillste­hen und gleichzeitig der Inlandbedarf steigt, verschärft das unsere Versorgungs­lage. Mal schauen, was in der Rest-Welt schliesslich mehr Tote hervorbringen wird: das Virus oder der Lieferengpass an Pharmaprodukten. Umgekehrt wer­den wir sehen, ob die derzeit disziplinierte Handhygiene und Event-Abstinenz im eigenen Land die Anzahl normaler Grippeinfektionen und -todesfälle zu senken vermag.

Worauf ich am meisten gespannt bin, ist das grosse Homeoffice-Experiment. In all den Jahren vergeblicher Lobbyarbeit dafür, dass sich die Lebens- und Arbeits­qualität mit Homeoffice verbessert, pas­sierte nicht viel. Das schafft nun Corona. Die Angst vor einer verhältnismässig marginalen Gesundheitsbedrohung bringt Bewegung in die bis jetzt mit Be­quemlichkeit stigmatisierten Wünsche. Wir arbeiten von zu Hause aus. Freiwillig oder auf Anordnung von Arbeitgebern. Weg ist der Präsenzdruck. Was macht das mit uns? Sind wir entspannter, zufriede­ner – oder einsamer? Sind wir produkti­ver, kooperativer – oder nachlässiger? Was machen wir mit der gesparten Pend­lerzeit? Nehmen die Krankheitsabsenzen ab oder zu?

Die experimentelle Verhaltensforschung weist darauf hin, dass die Produktivität im Homeoffice erheblich steigt und Krankheitsausfälle sinken. Auf der Schat­tenseite der Untersuchung steht jedoch, dass jene Mitarbeitende, die von zu Hau­se aus arbeiten, bei Beförderungen weniger berücksichtigt werden. Wer Karriere machen will, muss Präsenz markieren. Aber vielleicht ändert Corona auch die­sen Wirkungszusammenhang. Wird Remote Leadership Effectiveness die neue Beförderungsqualifikation?

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, erschienen in der Handelszeitung vom 5. März 2020.

https://getdiversity.ch/achtung-mogelpackung/

Kategorien: