Disruption im Lohngefüge

Gehen wir nicht alle davon aus, dass unsere Löhne mit unserer ökonomischen Wirkung und Verantwortung korrelieren? Aus dem Grund verdient eine Chefin mehr als ein Sachbearbeiter. Und mit dieser Logik erhält eine Universitätsprofessorin mehr Lohn als ein Kindergärtner. Sie ist für die High Potentials zuständig, er nur für die kleinen Kinder. Logisch. 

Und dann kommt die Forschung und findet heraus, dass die frühkindliche Bildung von allen Bildungsphasen die grösste Hebelwirkung auf den sozialen und ökonomischen Erfolg der Menschen hat. Je später die Bildung einsetzt, desto geringer ist die Wirkung auf Einkommen und soziale Stabilität ihrer Konsumenten. Das wirft die Frage auf: Wie würde sich die Bildungslandschaft, Wirtschaftssystem und Gesellschaft entwickeln, wenn Lohnsysteme tatsächlich wirkungsorientiert aufgebaut wären?

Die höchsten Löhne erhalten in jener Welt Fachkräfte für die Betreuung in Kinderkrippen, da diese den breiten Grundstein legen für die Wohlfahrt. Dann die Kindergärtner, Primarlehrer, danach Lehrpersonen der Oberstufe und Gymnasien und zuletzt mit dem kleinsten Gehalt die Universitätsprofessorinnen, da diese den geringsten Einfluss auf die Bildungsrendite ihrer Zöglinge haben. Ganz nach dem Sprichwort: Was Gretchen nicht lernt, lernt Greta nimmermehr.

Im Grundsatz ist das logisch, doch Sie merken: Das ist der Katze gegen das Fell gebürstet. Wir denken und handeln nicht systemisch und datenbasiert logisch. Wir glauben lieber: Wer viel Zeit in seine Bildung investiert hat, soll viel verdienen. Die eigene Bildungsinvestition soll sich lohnen, je mehr desto besser – egal was es der Gesellschaft wirklich bringt.

Wir glauben, Lohnunterschiede zwischen Berufsgruppen hätten dank der unsichtbar steuernden Hand des Marktes eine ökonomische Legitimation. Sogar die paar galaktischen Löhne von einer kleinen Managerriege, die eigentlich mit keinem Massstab zu rechtfertigen sind.

Was wäre, wenn wir tatsächlich hinschauen, wie viel wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung Menschen mit ihrer Berufstätigkeit wahrnehmen und sie systematisch entlang dieser Bedeutung abgestuft entlohnen? Ja, das wäre eine schöne Disruption im Lohn- und Bildungsgefüge.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, CEO von GetDiversity in der Handelszeitung vom 11. Juli 2019.

Wer sich für die Anliegen der frühkindlichen Bildung interessiert und engagiert, folge bitte:

READY! Frühe Kindheit ist entscheidend – https://www.facebook.com/ReadySuisse/ – https://www.ready.swiss/de

Kategorien: