Einfach gestrickt

Liebe Leute, aber jetzt mal Butter bei die Fische, wie unsere nördlichen Nachbarn so schön sagen. Was glaubt ihr eigentlich, warum euch Google Maps den Weg an euer Ziel zeigen kann? Auf Schritt und Tritt? Genau, weil das eine Tracking-App ist, die ihr ohne Not und gerne nutzt. Warum weiss Meteo Swiss, wel­ches lokale Wetter euch interessiert? Warum meldet euch Swisscom, wann ihr im Ausland angekommen seid, und macht euch auf Roaming-Gebühren aufmerksam? Wie weiss Uber eigent­lich, wo ihr ein- und aussteigt? Ja, wie kommt das? Sie wissen alle, wo ihr seid und wann. Ganz genau. Weil sie euch tracken und ihr dem zugestimmt habt.

Hat euch das je gestört? Nein. Na, also – es ist doch so bequem. Aber jetzt, da in der Schweiz eine App entwickelt wird, die unsere Gesundheit und die Wirt­schaft schützen soll, die uns nach und nach mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen soll, kriegt ihr es plötzlich mit der Angst zu tun. Dabei kann sie das al­les gar nicht. Diese Corona-Warn-App ist so einfach gestrickt, sie weiss nicht mal, mit wem ihr in dem Uber gefahren seid. Sie registriert lediglich, dass je­mand anders mit aktiver Corona-Warn-App für mehr als 15 Minuten näher als zwei Meter war. Sollte diese Person, und es kann der Uber-Fahrer selbst ge­wesen sein – honi soit qui mal y pense –, später positiv auf Corona getestet werden, dann bekommt ihr eine Warn­meldung. Mehr nicht. Das ist schon der ganze Zauber. Keiner erfährt vom anderen.

Es ist ein riesiger kryptografischer Auf­wand, diese Corona-Warn-App derart sicher zu machen, dass sie sich gar nichts von dem merken kann, was euer Handy sonst so munter speichert.

Wer sich also Sorgen um seine Privat­sphäre macht, sollte aufhören, ein Smartphone zu nutzen, und anfangen, stündlich alle Cookies aus seinem Browser zu löschen. Wenn ihr nämlich kurz nach einer Warnmeldung «Corona BAG Hotline» googelt und danach dort anruft, wissen Google und Swisscom ganz unabhängig von der App, was los ist. Unser Staat erfährt von der War­nung erst, wenn ihr es am Telefon er­zählt. Das ist übrigens derselbe Staat, der seine Informationen bis vor kurzem noch per Fax verarbeitet hat.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer in der Handelszeitung vom 30. April 2020

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