Exklusives Verhalten

Abstand tut gut und hilft manchmal, die Muster im Leben zu erkennen. Als ich kürzlich in Holland eine Woche lang Workshops leitete, fiel mir eine Szene voller Stereotypen und ausgrenzendem Verhalten unter Männern auf.

Holland hatte Kolonien in der Karibik und in Indonesien. Entsprechend viele Handwerker von internationaler Herkunft arbeiten für die Firma, die ich durch eine Transformation begleite. Wir haben die Männer im Plenum typische Situationen aus dem Arbeitsleben spielen lassen, um den Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit bezüglich Sicherheit, Sorgfalt und Eigenverantwortung auf den Grund zu gehen. Normalerweise ist das eine lustige Übung.

Doch wenn der in Curaçao geborene, dunkelhäutige, muskulöse Holländer mit schwerer goldener Kette und Rastafrisur vor versammelter Mannschaft von einem anderen Arbeiter im improvisierten Theater spontan aufgrund seiner Erscheinung des Marihuanakonsums verdächtigt wird, hört der Spass definitiv auf. Das überschreitet die Grenze des Anstands. So entstehen böse Gerüchte.

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit intensiv mit den Mustern von ausgrenzendem, exklusivem und einbeziehendem, inklusivem Verhalten.

So habe ich mich in der Pause mit dem Rastamann zusammengesetzt und gefragt, ob das öfter passiere und was diese Szene bei ihm ausgelöst habe. Er war den Tränen nahe, berührte seine Rastahaare und sagte: «Das ist nur deswegen! Er kennt mich gar nicht. Ich habe Kinder, ich trinke nicht, ich rauche nicht und ich habe noch nie Drogen genommen. Was erlaubt er sich!» Ja, richtig, das ist nicht in Ordnung. Das war eine Vorverurteilung aufgrund von Stereotypen, die zu ausgrenzendem Verhalten führt. Sein Teamkollege kam hinzu und ereiferte sich sehr. Wir standen an der Grenze zu Polarisierung und Feindschaft.

Zum Glück haben die beiden Männer nach dem Dampfablassen stolz erklärt, sie seien nicht so unreif wie der andere und würden souverän damit umgehen. Und dann verspürte ich als Frau eine eigenartig liebevolle Verbundenheit mit der Mehrheit der Minderheiten, die sich vom vermeintlichen Mainstream immer wieder ausgegrenzt und herabgesetzt fühlt.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, erschienen in der Handelszeitung vom 21. März 2019.

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