Fussball kann ein Anfang sein

Einmal hörte ich einem Dialog zu, im Zug, im Abteil nebenan: «Die Niederlande sind am Sonntag Fussball-Europameister geworden.» – «Nein! Das ist seit 2016 Portugal.» – «Ja, mit der Männermannschaft.» – «Und jetzt, die Holländer etwa mit dem Rollstuhl-Club?»– «Nein, mit dem Frauenteam.» – «Ach so, Kinkerlitzchen.

Bei den Männern, da spielt die Musik: horrende Transfersummen, abartige Merchandising-Umsätze, schillernde Spieler, da ist die Kohle.» – «Hast du die Frauen spielen sehen?» – «Nein, wieso auch?» – «Guter Fussball, zum Beispiel.» – «Pah, Weiberfussball – uninteressanter Nebenschauplatz!» 

Beim Fussball ist es wie im richtigen Leben, dachte ich mir. Wenn dreissig «neue» Topmanagerinnen mitten in den Sommerferien in diesem Blatt grossflächig vorgestellt werden (wer hat es gelesen?), muss ich feststellen: Die sind gar nicht neu, nur kannte sie vorher kaum einer. Die Schweiz hat über 1000 Grossunternehmen, über 200 davon börsenkotiert. Man fürchtet reihum eine gesetzliche Bevormundung in strategischen Personalfragen und beschwört das Feindbild Quotenfrau: unterqualifizierte, überehrgeizige Zicken mit Plaudertrieb.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann sieht 70 Prozent des ungenutzten inländischen Fachkräftepotenzials bei Frauen und setzt Vereinbarkeits- und Steuerentlastungsmassnahmen für Familien um. Der Arbeitgeberverband setzt auf Freiwilligkeit, publiziert eine Auswahl von 400 wählbaren Frauen und verpflichtet Personalberater zur Frauenförderung. Einen radikalen Schritt weiter geht Deloitte: Die Consultingfirma dreht den Spiess um. Alle «Minderheiten»-Initiativen wie Frauenförderungsmassnahmen wurden abgeschafft; die Vielfalt aller «Minderheiten» bildet die Mehrheit, so der neue Ansatz. Jene, die sich nicht inklusiv verhalten, werden geschult und zur Verantwortung gezogen.

Also, was ist zu tun? Wahrnehmung umschalten auf den Profi-Frauen-Kanal, damit sie zu Tausenden bekannt und wählbar werden. Frauenfussball schauen kann ein Anfang sein.

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