Jedem seine gelbe Weste

Neulich habe ich meiner Tochter von Greta Thunberg erzählt, ihr ihre Reden gezeigt, mit ihr über den Klimawandel gesprochen und darüber, dass sie später mit den Konsequenzen unserer Weichenstellungen und Unterlassungen wird klarkommen müssen.

Deshalb will ich, dass sie weiss, was läuft und dass sie sich eine eigene Meinung bildet. Sie soll kein braves Schäfchen werden, das der Herde folgt, sie soll eigenständig denken und handeln können. Sie wird bald 13. Es ist Zeit für den globalen Blick. Also habe ich ihr vom nationalen Klimastreik am 15. März erzählt und sie gefragt, ob sie da auch hingehen möchte. Sie will die Schule dafür nicht schwänzen – okay, das Argument lasse ich gelten. Ich habe ihr deshalb vorgeschlagen, dass sie den Lehrer fragt, ob die ganze Klasse mitmachen darf. Die Abklärung hat sie gleich eingeleitet, Whatsapp sei Dank. Sie ist recht besorgt um ihre Sicherheit an ihrer ersten Demo. Darum habe ich mir den Nachmittag im Kalender reserviert, damit ich die Konsequenzen meiner Agitation tragen und als Begleitperson mitgehen kann. Warum tue ich das?

«There is no planet B.» E. Macron

Ich lese, dass die über 60-Jährigen 29:1 die Schweizer Abstimmungen gegenüber den Jungen gewinnen und dass die Kinder von Nationalrat Ruedi Noser ihren Vater an seine Verantwortung gemahnt haben. Schaudernd höre ich der 16-jährigen Greta zu und fürchterlich schaudernd dem bald 73-jährigen Trump und weiss, wer derzeit mehr politische Macht hat. Ich lese, wie Parteipräsidentin Petra Gössi für ihre klare Ansage zur Klimapolitik kritisiert wird und man ihr bloss niederes Wahlkalkül unterstellt und dann, wie Prof. Ernst Fehr sich hinter sie stellt und eine CO2-Steuer zum Gebot der Vernunft erklärt.

Ja, ich will, dass wir uns über alle Generationen und Parteibücher hinweg mit den langfristigen Folgen unseres Tuns und Nichttuns auseinandersetzen und die Weichen nach bestem Wissen und Gewissen verantwortungsvoll stellen. In welche Welt wollen wir unsere Kinder hineinwachsen lassen? Was müssen wir heute dafür tun und was lassen, damit das globale Gefüge – ökologisch, sozial und ökonomisch – nachhaltig und lebenswert funktioniert?

Um Präsident Emmanuel Macron vor dem US-Kongress zu zitieren: «There is no planet B.» Das bringt es auf den Punkt. Mensch, zieh die mentalen gelben Westen aus und pack an.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, erschienen in der Handelszeitung vom 28. Februar 2019.

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