Kein Platz für Opfer 

Verantwortung ist, wenn einer den Kopf hinhält, wenn etwas schiefgeht, die Konsequenzen zieht und dann geht.» So zitierte der «Blick» letzte Woche Oswald Grübel, ehemaliger Chef von UBS und CS. Er habe nicht gewusst, was der Investmentbanker und UBS-Angestellte Kweku Adoboli tat, und die Bank verlor 2011 darum 2,3 Milliarden Franken. Erinnern Sie sich? Hat Grübel die 2,3 Milliarden aus eigener Tasche bezahlt? Nein. Die Aktionäre tragen die Folgen dieser und früherer Fehler – eine UBS-Aktie ist weiterhin nur ein Schatten ihrer selbst. Dividenden, Boni und Stellen wurden gekürzt. Grübel und seine Vorgänger hatten als Chefs die Verantwortung, die Firma so zu organisieren, dass so etwas Fatales nicht passieren kann. 

Die Kumulation aller Verantwortung beim Chef ist ein Paradigma in der Wirtschaft – und eine Illusion. Eine höchstgefährliche noch dazu. Daraus entsteht ein «Gott-Komplex» auf Stufe Chef. Verantwortung wird mit Macht verwechselt. Und die Hybris ist nicht weit. 

Unser Obligationenrecht überträgt die Gesamtverantwortung in einer Aktiengesellschaft einem Team: dem Verwaltungsrat.

Diese Gruppe von Menschen haftet solidarisch und persönlich. Das ist systematisch geteilte Verantwortung. Jeder haftet für den anderen mit. In unseren Verwaltungsräten wird per Gesetz längst eine Organisationsform gelebt, die nun durch Selbstorganisationsmethoden wie zum Beispiel Holacracy auch in einigen Betrieben Einzug hält.

«Swisscom ohne Chefs» ist eine berühmte Schlagzeile dazu. Die Reaktionen von aussen auf die geteilte Verantwortung sind massiv. «Wenn keiner sagt, was zu tun ist, bricht das Chaos aus.» Keiner traut dem anderen zu, selbstverantwortlich für ein grosses Ganzes zu handeln. Dabei leben Familien, Vereine, Freiwilligenorganisationen und KMU vor, was in der grossen Wirtschaft undenkbar scheint: geteilte Verantwortung, Gemeinschaftssinn und Engagement für die Sache. Doch Achtung! Selbstorganisation und Eigenverantwortung haben einen hohen Preis: Es gibt keinen Platz mehr für Opfer, die den Mächtigeren die Schuld zuschieben.

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