Paradoxe Theresa May

Jetzt mach ich mich mal unbeliebt. Alle ziehen über Theresa May her und lästern, sie sei die schlimmste Premierministerin, die England je gesehen hat. Dabei hat sie in meinen Augen das einzig Richtige gemacht und sich selbst als Bauernopfer eingesetzt.

Bald wird sie öffentlich als Verliererin gebrandmarkt vom Spielfeld gehen. Niemand sieht bisher, dass sie eine geniale Partie spielt, bei der England gewinnen wird und May verliert. Das war ihre Absicht und eine hochriskante Spieltaktik. Das geht natürlich nur, wenn man sein Ego etwas weniger ernst nimmt als die Staatsinteressen, denn die Lorbeeren werden andere gewinnen. Sie ist meine Heldin, denn sie hat im grössten Massstab systemisch gearbeitet, hat mit ganz England eine riesige paradoxe Intervention gemacht.

Unter einer paradoxen Intervention versteht man in der Regel Methoden, die in scheinbarem Widerspruch zu den Zielen stehen, die aber tatsächlich dafür entworfen sind, diese Ziele zu erreichen.

Theresa May hat den Willen des Volkes gegen ihre eigene Überzeugung so vehement und überzeugend vertreten, dass Opposition dagegen entstehen musste. Musste. Das war ihr Plan und er wird aufgehen. So sind die Gesetze der Polarität. Zu kompliziert? Willkommen in der neuen Welt von moderner Leadership. Dabei ist es ganz einfach, Druck erzeugt Gegendruck. Ein alltagstaugliches Beispiel: Wollen Sie, dass Ihr Kind Salat isst? Sagen Sie ihm, dass es den sowieso nicht mag (das ist authentisch, denn davon gehen Sie ja aus), nehmen Sie dem Kind den Salatteller weg und essen Sie selber den Salat vor seinen Augen genüsslich alleine auf. Unter tosendem Protest wird Ihr Kind seinen Anteil des Salattellers einfordern. Ich habs mehrfach probiert, es funktioniert. Widerspruch ist ein guter Treibstoff, nicht nur bei Kindern. Wir sind alle noch viel zu sehr auf Rationalität getrimmt und treffen damit falsche Grundannahmen und machen ungeschickte Schachzüge. Würden wir mehr mit der Systematik der Irrationalität arbeiten, würden wir bessere Ergebnisse erwirken. Theresa May machts uns vor (hoffe ich).

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, erschienen in der Handelszeitung vom 11. April 2019.

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