Perlen tauchen

Ich bin 2018 50 Jahre alt geworden. Die zweite Lebenshälfte beginnt und eventuell die Midlife Crisis? Auf jeden Fall gehöre ich klar zur Generation X, jener Generation also, die zu den digitalen Immigranten gehört und somit maximal lange im Erwerbsleben mit diesem Defizit zurecht kommen muss. Ein geschätzter Kollege ähnlichen Alters nannte uns «die verlorene Generation». Der Begriff ist fast hundert Jahre alt und bezeichnet eine Schicht von Jahrgängen, die aus historischen Gründen etwas Wesentliches verpasst haben und darunter leidet. Bei uns ist es das fehlende digitale Gen.

Innerlich hole ich zum Verteidigungsschlag aus: ich war doch schon 1986 das erste Mal auf einem Commodore 64 über Universitätsnetzwerke in Australien mit jemandem am «chatten» und gehörte ab 1987 zur ersten Generation ETH-Studierender, die das Architekturstudium ab Tag zwei mit Computern unterstützt bewältigten. Bin ich also doch «native» und damit nicht verloren? Es gibt einen Funken Hoffnung für uns. Früher galt die Gleichung: älter = erfahrener = besser. Manche glauben noch daran, doch diese Regel ist heute nicht mehr zwingend. Jedenfalls nicht, wenn es um digitale Transformation geht.

Ich beobachte mich häufig selbst, wie ich Prozesse und Strategien wie gewohnt von bestehenden Marktbedürfnissen, der maschinellen Produktion und der menschlichen Arbeitskraft her gestaltend denke und danach den Digitalisierungsfilter anwende. Das ist Automation 2.0.

Ich bin dabei mich umzuprogrammieren, um Geschäftsmodelle und Prozesse von den digitalen Möglichkeiten her zu denken, um daraus neue Angebote und neue Marktteilnehmer zu entwickeln. Mit Potenzial zur Disruption. Das fällt der Generation Y wesentlich leichter. Die müssen gar nicht erst altes Schulbuchwissen und x-fach bewährte Erfahrung mühsam «entlernen», die sind mit einem digitalisierten Betriebssystem aufgewachsen.

Natürlich gibt es auch unter jenen viele, die in dünnen Brettern bohren und auf der Oberfläche surfen. Ja, die nerven gewaltig. Und es gibt wahre Zukunftsperlen. Was mir das zunehmende Alter weiterhin verspricht, ist Menschenkenntnis. Und so bin ich mit Leidenschaft zur Perlentaucherin geworden. Menschenperlen.

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