“SÄLBER!”​ – wie die kleinen Kinder.

Selbstbestimmung, das klingt gut. Individuen wollen autonom handeln dürfen. Das sehen wir bei Kindern sehr ausgeprägt, wenn sie trotzig sagen: “SÄLBER!”. Doch wo hört diese persönliche Freiheit auf? “Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt”, sagte der Philosoph Immanuel Kant vor über 200 Jahren.

Individuen, Gemeinschaften, Städte, Kantone, Staaten haben Regelwerke entwickelt, um die Grenzen der absoluten Freiheit zu organisieren. Sie bilden das Fundament für ein friedliches Miteinander. Der Schweizer Föderalismus organisiert das stufengerecht und anerkennt die jeweils nächst grössere Einheit als verbindlich. Darin sind wir meisterlich, weltmeisterlich sogar.

Vor 65 Jahren, kurz nach dem zweiten Weltkrieg hat Europa sich auf die Europäische Menschenrechtskonvention geeinigt und damit den Grundstein für die längste Friedensperiode in der Region gelegt. Zwanzig Jahre später trat diese auch in der Schweiz in Kraft. Unser Land anerkennt damit, geografisch mitten in Europa zu liegen und sich mit den Nachbarn auf gewissen Grundregeln der friedlichen Koexistenz einigen zu wollen. Im Zuge der Globalisierung trat die Schweiz 2002 auch den Vereinten Nationen bei, um auf globaler Ebene und stufengerecht am friedlichen Miteinander mitwirken und teilhaben zu können. Wir sind weltweit vernetzt und verflochten und damit Teil eines tragfähigen Gewebes, das unsere Stabilität und unseren Wohlstand sichert.

Grundregeln der friedlichen Koexistenz

Warum sollten wir diese Ordnung aufgeben wollen? Um trotzig als Winzling unseren eigenen Kopf durchzusetzen? Eigene Regeln über die der Gemeinschaft zu stellen? Ja, kleine Kinder versuchen immer wieder die Grenzen der Erwachsenen auszuloten, um ihre eigenen Interessen durchzuboxen. Gute Erziehung – zu Hause, in Krippen, Kindergärten und Schulen – setzt alles daran, diese jungen Menschen zu reifen, kooperationsfähigen Mitgliedern unserer Gesellschaft werden zu lassen. Bei der sogenannten Selbstbestimmungsinitiative drückt der egozentrische Trotz jener durch, die nicht gelernt haben, die Grenzen der Freiheit und den Wert der gemeinschaftlichen Ordnung anzuerkennen.

Kolumne in der Handelszeitung vom 20. September 2018 von Esther-Mirjam de Boer

Esther-Mirjam de Boer ist Mitinhaberin und CEO von GetDiversity GmbH und vermittelt Vielfalt in Verwaltungsräte. Die Unternehmerin ist an mehreren Firmen aktiv beteiligt und in vier Firmen als Verwaltungsrätin tätig. Als Präsidentin vom Verband Frauenunternehmen und Vorstandsmitglied der association geschäftsfrau.ch engagiert sie sich für das Unternehmertum von Frauen – auch in der Nachfolge. Als Kolumnistin in der Handelszeitung reflektiert sie kritisch das politische und wirtschaftliche Geschehen in der Schweiz aus der Perspektive einer progressiv-liberalen Frau. Sie tritt als Dozentin, Referentin und Moderatorin auf und beleuchtet Vielfalt und Leadership aus einer strategischen Warte. 

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