Salto aus dem Hamsterrad

Was ist passiert? Wir sind ständig zu Hause und trotzdem fliegen die Tage vorbei. Was haben wir vor Corona alles in einen Tag gepackt, das jetzt trotz gesparter Reise-Zeit dank HomeOffice nicht mehr Platz hat? Ich glaube, wir sind aus dem Hamsterrad katapultiert worden. Das Virus hat unseren Autopiloten ausgeschaltet. Manches funktioniert nicht mehr wie früher. Wir müssen vieles bewusst tun und wahrnehmen, weil jetzt so vieles ungewohnt ist. Das ist anstrengend und verbraucht unsere Aufmerksamkeit – wir werden langsam. Daniel Kahnemann hat in seinem Buch «schnelles Denken, langsames Denken» den Unterschied beschrieben. Im System 1 – dem schnellen Denken – werden wir unbewusst von Erfahrungen, Instinkten, Emotionen und Gewohnheiten geleitet. Wir nennen das auch Intuition. Und diese geht leicht von der Hand. Das ist unser Autopilot. Im System 2 – dem langsamen Denken – agieren wir bewusst: achtsam, reflektiert, vernünftig und logisch. Dabei verbrennen wir wesentlich mehr Kalorien, als im System 1, aber (vermeintlich) mit weniger Produktivität. Also, wozu ist das jetzt trotzdem gut?

Im System 1 neigen wir bei unbekannten Herausforderungen zu Kurz- und Fehlschlüssen, weil wir Komplexität mit simplen Faustregeln analysieren, um unsere Meinung zu bilden und zu handeln. Wir reduzieren Komplexität und sind leichter empfänglich für Populismus und Fake News. Im System 2 hingegen erschliessen und entschlüsseln wir die Komplexität in ihrer Vernetztheit, inneren Abhängigkeiten und Widersprüchlichkeit. Ein Beispiel:

Die Erfahrung mit Corona zeigt: die grosse Mehrheit jener, die daran sterben ist über 80 und hatte bereits lebensbedrohliche Vorerkrankungen, Kinder sind nahezu nicht betroffen und Menschen unter 40 zeigen sehr selten schwere Verläufe. Unser schnelles Denken rät uns daher, die Alten zu isolieren, die Kinder wieder zur Schule zu schicken und alle unter 40 zur Arbeit gehen zu lassen. Oder?

Im System 2 sehen wir jedoch, dass Betagte mit Vorerkrankungen Betreuung und Pflege brauchen. Diese wird von Menschen geleistet, die jünger sind und soziale Kontakte pflegen. Manche von ihnen leben mit Schulkindern im selben Haushalt. Andere Schulkinder haben auch Eltern. Manche arbeiten in exponierten, systemrelevanten Berufen, andere gehören Risikogruppen an. Die Hälfte der hospitalisierten Coronakranken sei unter 53 und Kinder übertragen Viren, auch wenn sie keine Symptome zeigen. Überall, wo sich viele Menschen über längere Zeit in einem geschlossenen Raum aufhalten, verbreitet sich Corona besonders gut: in Restaurants, öffentlichen Verkehrsmitteln, Schulzimmern, Kinos, Versammlungen, Call Centers, zu Hause. So kommen Viren über Umwege rasch zu Menschen, für die sie gefährlich sind. Der LockDown hat das weitgehend erfolgreich verhindert. Besser gar, als erwartet – das zeigen die leer gebliebenen Intensiv-Betten.

Die richtige Lösung für den Ausstieg aus dem LockDown erscheint mit System 2 betrachtet weniger offensichtlich.

Die schrittweise Lockerung des LockDowns kann dann besonders gut funktionieren, wenn wir die ganze Komplexität der Zusammenhänge durchdringen und entschlüsseln. Die individuelle Gesundheit und mentale Stimmung in der Bevölkerung, das Gesundheitssystem und seine Ressourcen sowie der Fortbestand der Wirtschaft und die Achtung unseres Rechtssystems, insbesondere der Datenschutz und die Politik – das hängt alles zusammen. Deshalb wird ein datenschutzkonformes Contact Tracing eingeführt werden, weil damit die Komplexität und Individualität der menschlichen Kontakte gezielter berücksichtigt werden können und wir dafür auf der kollektiven Ebene mehr Lockerungen erhalten werden. Masken werden den öffentlichen Raum prägen, weil diese die Diffusion der Viren eindämmen. Der 2-Meter Abstand und Händewaschen bleiben die Regel. Wir werden regelmässig auf Viren und Antikörper getestet, um so früh wie möglich in Selbst-Quarantäne bzw. wieder zurück zu Arbeit gehen zu können. Und wir werden Sanktionen für jene Menschen umsetzen, die sich auf Kosten anderer gefährlich verhalten.

Das war bis vor Kurzem alles undenkbar.

Das Virus hat uns aus dem Hamsterrad katapultiert. Auf Autopilot lebten wir in der Illusion, alles im Griff zu haben und frei zu sein. Es lief wie geschmiert. Die komplexe Realität mit all ihren Unsicherheiten und Risiken hat uns inzwischen eingeholt. Seit Jahren ist bekannt, dass so etwas wie Corona passieren könnte. Dafür gibt es detaillierte Pandemiepläne in der Schweiz und weltweit. Es war schon 2016 klar, dass wir vermutlich zu wenig Schutzmaterial, Intensivbetten, Beatmungsgeräte, Desinfektionsmittel und Medikamente für einen Ernstfall haben. Was mich wundert ist: dieses Material kostet weniger als die Kampfjetbeschaffung und deren Unterhalt. Die Eintretenswahrscheinlichkeit einer Pandemie war bedeutend grösser, als die eines bewaffneten Krieges. Warum waren wir trotzdem schlecht darauf vorbereitet? Ich vermute, wir sind uns einig: das darf uns nicht nochmal passieren. Dafür müssen wir den Autopiloten bewusst umprogrammieren und die Prioritäten anders setzen.

Was der Salto aus dem Hamsterrad auch zu Tage führte, ist die Bedeutung der Digitalisierung. Die einen Organisationen waren innert Stunden im HomeOffice operativ, andere erhielten noch Wochen nach dem LockDown dringende und relevante Planungsdaten für den Krisenstab per Fax und verzeichneten erheblichen Verzug bei der Datenerfassung.

Eine weltweite Pandemie ist etwas überwältigend Komplexes. Ein einzelner Mensch kann die Wirkungszusammenhänge nicht innert nützlicher Frist durchdringen. Selbst Gruppen von Forscherinnen, Ökonominnen und Politikerinnen tun sich schwer (Männer mitgemeint). Da kann ein digitales System 2 helfen. Es gibt an der ETH Zürich ein über Jahre entwickeltes wirkmächtiges Simulationsmodell, das die Lebensrealitäten von 8,5 Mio. Menschen in der Schweiz, deren Mobilität und Erwerbstätigkeit, die Produktionsstätten und Finanzsysteme, die Ressourcen und Warenflüsse abbildet und integrale Zukunftsszenarien in virtuellen Experimenten simulieren kann. Die Software wird laufend mit den weltweiten Corona-Forschungsergebnissen zur Ausbreitungsdynamik unter verschiedenen LockDown-Szenarien erweitert. Wenn diese mit tagesaktuellen Daten und Testergebnissen aus der Schweiz gefüttert wird, kann sie zum schnellen und soliden Partner für die Entscheidfindung für die Corona-Massnahmenplanung in der Science Task Force und der Politik werden.

Mehr zum Simulationsmodell: https://www.linkedin.com/posts/reza-abhari-5782b71a_coronavirus-enerpol-ai-activity-6652125592370184192-nbfc

https://getdiversity.ch/corona-kpi/

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