So oder so nicht befördert

Als Unternehmerin habe ich keinen Chef, der mit mir ein Mitarbeitergespräch führt. Ich besuche zur Selbstreflexion Weiterbildungsseminare, um mein Verhalten und Wirken zu spiegeln. Das tat ich jüngst und nun stehe ich vor einem Paradox. Ich habe die Teilnehmenden um ein Feedback gebeten, weil ich gelegentlich die Rückmeldung erhalte, zu viel zu fordern, zu heftig einzufahren, mein direktes Umfeld zu überfahren – einigen Leuten gar Angst zu machen. Das verunsichert mich, denn das entspricht nicht meinem Selbstbild.

Im Seminar sagte eine Person: “Diese Energie von dir, wenn die von einem Mann kommen würde, dann hätte ich keine Mühe damit, dann wäre das wohl stimmig, aber du bist eine Frau und das ist eine männliche Energie und das stört mich. Mir fehlt das Feine, Verletzliche – deine weibliche Energie.” Puh! Was mach’ ich jetzt damit?

Wir wissen aus der Verhaltensforschung, dass Frauen, die sich klischeehaft “weiblich” zeigen, besser gemocht werden. Der Preis dafür ist, dass sie auf der inhaltlichen Ebene weniger ernst genommen werden: sie erscheinen weniger qualifiziert. Das ist ein fataler trade off für Führungsfunktionen: Du kannst als Frau wählen zwischen unsympathisch bossy oder unbedarft nett. Was willst Du lieber: Flöhe oder Läuse? Beides juckt. Das mag ein Grund für die “leaking pipeline” sein und dafür, dass der Frauenanteil bei den selbständigen Unternehmern mit Abstand am höchsten ist mit 39 Prozent. Da ist kein Chef, der dich so oder so nicht befördert.

Unsympathisch bossy oder unbedarft nett – Was willst du: Flöhe oder Läuse?

Doch auch im Unternehmertum lauert Geringschätzung. Als ich diese Argumentationskette in einer VR-Ausbildung präsentierte, meldete sich ein Teilnehmer süffisant: “Ja, aber, was sind denn das für Unternehmerinnen – so Coiffeusen?” Ich fragte in die Runde, wer sich noch nie habe die Haare schneiden lassen. Schweigen. Genau: Coiffeursalons gehören zur Grundversorgung. Sie haben in der Regel mehrere Angestellte und bilden Lehrlinge aus. Damit gehören viele Salons zu den 11 Prozent Unternehmen in der Schweiz, die mehr als zehn Angestellte beschäftigen. Wir müssen unsere Wahrnehmung neu eichen. Das ist doch ein guter Vorsatz für 2019.

Kolumne in der Handelszeitung vom 6. Dezember 2018 von Esther-Mirjam de Boer

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