Wider die Angst

Der Lockdown war wie eine Chemotherapie gegen einen aggressiven Krebs. Wir sind noch ganz benebelt davon und erleichtert, die Krankheit in den Griff gekriegt zu haben. Jetzt kommen die Stimmen der Zweifler, die glauben, eine schwächere Therapie hätte auch gereicht und weniger Schaden angerichtet – aber wer weiss das schon sicher im Nachhinein. Ja, im Rückblick sind alle klüger – man nennt das Phänomen „hindsight bias“.

Die zentrale Frage ist jetzt aber, mit welcher Rehabilitations-Kur für die Patientin Schweiz sind wir bald wieder richtig fit? Die Rekonvaleszenz nach schwerer Krankheit ist ein guter Anlass, um Lebensgewohnheiten zu ändern, damit man nachhaltig gesund werden kann. Mehr Bewegung, frischeres Essen, weniger Alkohol sind guter Rat, wenn es um den Menschen geht. Und welcher Rat ist für das Land gut? Welche strukturellen Mängel und Überlastungen müssen wir beheben, um als Gesellschaft nachhaltig gesund zu werden? Und welche Rolle spielen wir Menschen dabei?

Wir Menschen wollen wieder ohne Angst arbeiten, unsere Freunde treffen und Ferien machen.

Firmen machen sich fit mit redundanten Lieferketten, Produktionsverlagerungen, Digitalisierung und Personalbereinigungen. Die Arbeit im HomeOffice ist allseits beliebt, steigert die Effizienz und entlastet gleichzeitig die CO2-Bilanz und das Privatleben – solange die Kinder versorgt sind. Das stellt neue Anforderungen an Menschen und die Art wie wir unseren Lebensunterhalt verdienen.

Arbeitskräftemobilität, flexible Einsatzfähigkeit, Digitalkompetenz, virtuelle und agile Kooperation rücken in den Vordergrund. Einen Vorteil werden jene Firmen generieren, die in Echtzeit Antworten haben auf Fragen wie: Wer weiss was? Wer kann was? Wer leistet was? Wer führt was? Mit den richtigen Menschen, zur richtigen Zeit, an der richtigen Aufgabe und in klugen Kooperationen können sie sich rasch weiterentwickeln und innovativ sein. Das ist unsere Erfolgsgrundlage in der Schweiz und unsere einzige natürliche Ressource: Unterschiedliche Menschen, die gut zusammenarbeiten, denn Vielfalt steigert die Lösungskompetenz.

Bei aller Kriegsrhetorik, Corona hat keine physische Infrastruktur zerstört. Wer jetzt aber deswegen einen Marshallplan für 2020/21 vom Tisch wischt, hat den Schritt ins neue Zeitalter noch nicht vollzogen. Wer hingegen wie damals physische Infrastrukturprojekte zur Ankurbelung der Wirtschaft forcieren will, vergisst das Verhalten der Menschen einzubeziehen. Es war nicht in erster Linie der Lockdown, der die Wirtschaft lahmgelegt hat, sondern die Angst der Menschen vor dem Virus. In Schweden sind die volkswirtschaftlichen Zahlen inzwischen ähnlich bedrückend, wie in Resteuropa. Der Lockdown – egal wie hart, oder überhaupt – hat keinen wesentlichen Unterschied gemacht. Es war die Angst der Menschen, die die Wirtschaft in die Knie gehen liess. Deshalb müssen wir diese Angst wieder auflösen, um gesund zu werden.

Es war die Angst der Menschen, die die Wirtschaft in die Knie gehen liess.

Die Verhaltenswissenschaften setzen sich weltweit dafür ein, dass sich alle Menschen regelmässig auf das Virus testen lassen können. Gratis und freiwillig. Es liegt in der Natur der meisten Menschen, dass wir niemanden anstecken wollen. Die Bestätigung, selbst gesund zu sein, nimmt uns die Verunsicherung, anderen unwissend Schaden zuzufügen. Die Transparenz darüber, dass andere das auch tun und sich selbst isolieren nach einer möglichen Infektion gibt uns das Vertrauen zurück, im öffentlichen Raum und bei der Arbeit sicher zu seinDAS wird die Wirtschaft ankurbeln: Menschen, die sich wieder sicher und lebenslustig fühlen. Sie konsumieren mehr und sind produktiver.

Wenn wir dank umfassender Tests wissen, wo das Virus wirklich ist und wie viele tatsächlich ansteckend sind, wird es für die Politik einfacher, präzise, angemessene Massnahmen umzusetzen. Dagegen mag mancher einwenden, es seien gar nicht genug Tests verfügbar und der Plan sei viel zu teuer. Die Marktwirtschaft hat jedoch längst bewiesen, dass das Angebot steigt, wenn die Nachfrage angekurbelt wird und dass die Lernkurve zu exponentiellen Preissenkungen führen wird. Und wir dürfen nicht ausschliesslich die Kostenseite betrachten. Auch die Verhaltensänderungen der Menschen aufgrund ihrer Angst haben ihren Preis. Wir müssen die Kosten dieses Testens abwägen mit der Stimmungsverbesserung, der Normalisierung im Konsumverhalten und den positiven Effekten auf die Wirtschaft.

Das Testen alleine wird jedoch nicht reichen. Corona hat uns gezeigt, wie blind wir eigentlich sind. Wir sehen nun die Mängel in der digitalen und organisatorischen Infrastruktur, die wir dringend in Ordnung bringen müssen, um für eine nächste Welle oder Krise gerüstet zu sein. Niemand will einen zweiten Lockdown, darum sollten wir jetzt aufrüsten. Nicht für eine kriegerische Auseinandersetzung mit Waffen, sondern für die bekannten, relevanten Risiken: ein Zusammenbruch der Energieversorgung, Epidemien, Erdbeben & Co., denn diese sind viel wahrscheinlicher und gefährlicher für uns, als es ein bewaffneter Krieg ist. Das ist zwar seit Jahren offiziell festgehalten, spiegelt sich aber noch nicht ausreichend in den Prioritäten der Politik. Ein Risiko ist nun eingetreten.

Wir haben dank Corona gelernt, was tatsächlich systemrelevant ist. Es ist das Gesundheitswesen allen voran sowie die ganze Grundversorgung. Leider sind unsere föderalistischen Kantönligeister noch nicht smart genug miteinander vernetzt. So haben wir den Blick für die ganze Schweiz gar nicht. Es ist wie ein Blindflug. Das Bundesamt für Gesundheit hat die Misere vorgemacht: mit Faxformularen. In den Spitälern ist es oft nicht besser. Und wir wussten zwar längst, mit welchen Vorräten eine wahrscheinliche Pandemie zu bewältigen wäre. Aber sie waren nicht vorrätig. Keiner hatte sich drum gekümmert. Im Gegenteil, 2018 wurde beschlossen, das Pflichtlager für Reinalkohol aufzulösen, obschon bereits in den Epidemieplänen von 2016 ein erhebliches Risiko im Engpass an Desinfektionsmitteln erkannt wurde. Der Widerspruch blieb leider unbemerkt.

Dabei könnten wir dank „moderner Technik“ durchaus wissen, so wir denn tatsächlich wollten, was wo vorrätig ist und sein soll und wie viele, wo, mit was diagnostiziert werden, um die Infrastrukturen, Personen, Materialien, Mittel und Massnahmen gezielt zu planen und agil einzusetzen. Jetzt ist es an der Zeit, genau das zu tun: Investieren in die Datentransparenz, die Informationstechnologie und Liefersicherheit der ganzen Grundversorgung.

Es kann und darf nicht sein, dass dem Pharma-Exportland Schweiz Medikamente, medizinische Materialien, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel innert weniger Wochen ausgehen. Es ist Aufgabe des Bevölkerungsschutzes und der wirtschaftlichen Landesversorgung für diese Herausforderungen gerüstet zu sein. Mehr noch: wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die unsere Grundversorgung sicherstellt.

Dafür müssen wir uns mit der ganzen Welt koordinieren. Wenn wir nämlich glauben, dies als kleine Schweiz ganz autonom lösen zu wollen, fliegen uns die Kosten um die Ohren. Wir brauchen eine globale Industriepolitik für eine redundante Grundversorgung, die die Welt beliefern kann. Es braucht eine Europäische Industriepolitik, die die Clusterverteilung und die grenzüberschreitende Liefersicherheit in besonderen Lagen in Europa regelt. Ja, „Planwirtschaft!“ – ich höre sie schon rufen…. Aber halten wir uns bitte vor Augen: der Markt hat wider besseren Wissens den aktuellen Notfall nicht geregelt, das ist offenkundig geworden. Der Markt regelt den Normalfall, den Alltag. Für die Bereitschaft und Fähigkeit zur Bewältigung von Krisen sind die Staaten zuständig.

Dazu brauchen wir einen Paradigmenwechsel in der Politik und in der Verwaltung. Rüstungspolitik, wirtschaftliche Landesversorgung und Bevölkerungsschutz müssen entlang der konsolidierten Risikobeurteilungen organisiert und priorisiert werden. Gerüstet zu sein bedeutet, für die wahrscheinlichsten Katastrophen und Krisen gut aufgestellt zu sein. Ein bewaffneter Krieg steht offiziell nicht mehr auf der Risikoliste. Ich schlage vor, im Milizsystem junge Menschen für einen Dienst an der Gesellschaft ausbilden, statt an Waffen. In Krisenzeiten können sie in Care Teams ausschwärmen, um die Bevölkerung zu unterstützen und das Land versorgen zu helfen – gerade jetzt als Contact Tracer und in Lieferdiensten zum Beispiel. Auf diese Weise erhält das Wort „Dienstpflicht“ eine umfassendere Bedeutung, die mehr Menschen im Lande zur Mitwirkung ansprechen könnte, als der Militärdienst dies isoliert tut.

Ich schlage vor, im Milizsystem junge Menschen für einen Dienst an der Gesellschaft ausbilden, statt an Waffen.

“Test – Trace – Isolate” ist die weltweit bewährte epidemiologische Strategie zur langfristigen Eindämmung des Corona-Virus. Eine deutsche Studie rechnet auf, dass die wirtschaftlichen Folgen einer Epidemie über Zeit am geringsten sind, wenn die Reproduktionszahl um 0.75 bleibt. Wirtschaft und Gesundheit haben also völlig gemeinsame Interessen. Würde man meinen. Und dann kommt der Mensch ins Spiel, will heissen, der irrationale Teil mit Partikularinteressen und Parteibüchern. Die Rechten wettern gegen Staatsüberwachung und Staatsinterventionen, die Liberalen wollen möglichst viel Selbstbestimmung bei den Unternehmen. Die Linken engagieren sich für Datenschutz und Arbeitnehmerrechte. Das Bundesamt für Gesundheit sorgt für zusätzliche Verwirrung mit umstrittenen Aussagen zum Nutzen von Atemmasken, Infektionsgefahr durch Kinder, Notwendigkeit von Tests erst bei Symptomen und überhaupt mit einer Gesundheitspolitik, die weder die Gesundheit noch die Wirtschaft in den Vordergrund stellt und des öfteren Expertenmeinungen ignoriert.

Was wir jetzt brauchen sind vereinte Kräfte über alle Parteigrenzen und Eigennutz hinweg und viel gesunden Menschenverstand. Das Virus bleibt noch eine Weile. Wir brauchen Tests für alle, die Tracing App, viele Menschen die Kontaktrückverfolgung machen, Lohn- und Arbeitsplatzsicherheit während der Selbstisolation und sichere Quarantäne-Versorgung für Härtefälle. Der Bundesrat, das Parlament und die Verwaltung haben es in der Hand. Die Menschen wollen wieder ohne Angst arbeiten, ihre Freunde treffen und Ferien machen. Das geht, wenn wir das Virus unter Kontrolle halten, indem wir es transparent machen.

Das Virus unter Kontrolle halten, indem wir es transparent machen.

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