Zynische Ignoranz

Es herrscht Kälte wie in Schlacht­höfen, Lärm wie in Schlachthöfen und es sind geschlossene Räume wie in Schlachthöfen – jetzt raten Sie mal, was ist das? Ja, genau: Eishockeystadien. Da sollen schon bald wieder Menschen zu Tausenden ein paar dick Eingepackten bei Bodychecks oder Bullys zusehen und sie lauthals anfeuern. Zumindest, wenn es nach der Corona-Prominenz und dem Bundesrat geht.

Derweil schicken wir unsere schulpflich­tigen Kinder – knapp eine Million an der Zahl – zurück in die Klassenzimmer. Zu anderen Kindern und Lehrpersonen, die irgendwo in den Sommerferien waren. Sie verbringen dort in Gruppen jeden Tag in geschlossenen Räumen. Und das in einer Zeit mit Ansteckungszahlen, die vor wenigen Monaten noch zum Lockdown des Landes geführt haben.

Erinnern wir uns noch? Gruppenver­sammlungen über fünf Personen waren verboten, Schulen wurden geschlossen, Homeoffice verordnet. Und die Fallzahlen gingen runter. Damals wussten wir noch wenig über Aerosol-Übertragung, Super­spreader-Events und Virenlast in Kindern. Heute ignorieren wir es. Und wir ignorieren, dass die Kinder von der Schule heimkommen und mit Papi, Mami, Omi und Opi schmusen, dass die Mami dann im Altersheim andere Opis und Omis pflegt, nachdem sie mit Papi im selben Bett geschlafen hat und mit vielen anderen Mamis und Papis im Bus dicht gedrängt zur Arbeit fuhr, dass Papi im Fitnesscenter heftig schnaufend trainiert, bevor er im vollen Zug seinen Pendlerkollegen begeistert vom letzten Eishockeymatch erzählt und dazu sein mitgebrachtes Znüni maskenfrei ver­speist. Das Homeoffice ist ja kein Zu­stand, der länger andauern kann. Hände­waschen und Abstand müssen reichen.

Und dann beunruhigt es uns nicht ein­mal, dass wir nur in einem Viertel der Fäl­le überhaupt wissen, wo man sich ange­steckt hat. Meistens in der Familie. Ja, und wie kam das Virus dahin? Und wie wurde es wieder weitergereicht? Die Kinder kön­nen es unmöglich gewesen sein, sagte der Corona-Offizielle a. D. schon früh. Die Kleinen müssen wir deshalb nicht testen. Mami muss die Alten auch mit Corona pflegen. Deshalb sollten wir die Papis nicht ins volle Stadion lassen, weil es da zu- und hergeht wie im Schlachthof.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, erschienen in der Handelszeitung vom 20. August 2020

 

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